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Social Reading: Wer hat in meinem Büchlein gelesen?

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Social Reading: Eine persönliche Zettel-Botschaft in einem Bibliotheksbuch.

Heute hatte ich in eine „Short Message“ von meinem Vorbenutzer in einem frisch ausgeliehenen Bibliotheksbuch (s. Bild). An sich ist das nichts Ungewöhnliches, denn insbesondere bei älteren Bibliotheksbeständen1 findet man immer wieder Spuren des Vorgängers. Diese Hinterlassenschaft aber war besonders, denn der Vorbenutzer hat sich ganz bewusst an mich (seinen Nachbenutzer) gewendet; persönlich und mit voller Absicht! Er unterschreibt sogar. Er siezt mich. Er führt eine waschechte Kommunikation mit mir. Und das ganz uneigennützig: „Dieses Buch gibt es als identische Reprint- Ausgabe für nur 20€“ lautet sein Tipp. Leider funktioniert der Rückkanal nicht. Würde ich doch zu gerne fragen: „Bei welchem Anbieter bekomme ich das Buch?“, „Wie fandest du das Buch? Ist es die eigene Anschaffung wert?“, „Warum hast du diese Nachricht hinterlassen?“… Das ganze brachte mich dazu mehr über „Social Reading“ nachzudenken.

Social Reading vom Mittelalter bis Heute
Social Reading ist

» ein online geführter, intensiver und dauerhafter Austausch über Texte« (Pleimling, D., S.21).

Anstatt einen Text individuell und für sich zu lesen handelt es sich dabei um eine Art kollektive Rezeption.
Erstaunlicherweise wurde das Lesen erst seit dem 12. Jahrhundert zur Privatsache. Zuvor (z.B. in den Universitäten des Mittelalters, s. Miethke, 1990, S. 29ff)
war es üblich laut zu lesen, ein Publikum mithören zu lassen und die eigenen Gedanken zu teilen.

Technische Hilfsmittel
Entwicklungen in Soft- und Hardware ermöglichen es heutzutage Literatur an konkreten Textstellen kollaborativ zu diskutieren, ohne dass sich die Mitglieder eines Lesekreises zu einer bestimmten Zeit an einem Ort einfinden müssen. Als Hilfsmittel dazu dienen vor allem – wie beim gedruckten Buch – verschiedenfarbige Markierungen und die Möglichkeit am Rand Textstellen zu kommentieren. Neu ist, dass diese Notizen über das Internet mit anderen geteilt werden können. Auch wenn sich eine intensive Nutzung dieser Möglichkeiten noch in Grenzen hält, so kann die These

»Durch die Entwicklung zum Enhanced E-Book transformiert sich die Form der sozialen Interaktion über Bücher« (Wasserek, M., S.102)

durchaus als realistische Tendenz gewertet werden.

Der Rücktritt Guttenbergs: Ein Ergebnis von Social Reading?
Eine der größten onlinegeführten Diskussionen über ein Buch haben wir unlängst in Deutschland erlebt: Die Plagiatsaffäre von, mit und zu Guttenberg. Auf der Plattform „GuttenPlag“ beteiligten sich mehr als 1000 User, überwiegend Akademiker aus dem juristischen Fachbereich, um die fragwürdigen Textstellen zu diskutieren und der Öffentlichkeit die einzelnen Zitat-Verstöße darzulegen – mit großem Erfolg eines intelligenten Schwarms! (Vgl. PlagDoc & Kotynek, 2012)

Gefahren der kollektiven Rezeption
Es gibt aber auch erhebliche Nachteile beim gemeinsamen Durchdringen von Texten: Die Zeitgeschichte hat gezeigt, dass kollektive Rezeptionssituation immer auch einen konsensfördernden Effekt haben können – eine Gleichschaltung und Normierung, die für einen wissenschaftlichen Diskurs tödlich ist. Auch ich selbst neige dazu, dass ich in einem bereits vorgemalten Bibliotheks-Buch, den Textstellen ein größeres Augenmerk beimesse, die ein Vorgänger schon durch Unterstreichen hervorgehoben hat. Das Denken anderen überlassen? Völlig ungesund!

Chancen des Social Readings
Echten Mehrwert des Social Reading für Enhanced E-Books sehe ich darin, dass Autor und Leser, Verlag und Leser oder auch Novize und Experte näher zusammenrücken und in produktiven Austausch stehen können. Flüche des Studierenden „was will der mir denn jetzt damit sagen?“ würden dann direkt bei der richtigen Adresse landen. Der Lernende könnte seine Frustration bewältigen und der Autor bekommt aus erster Hand eine Qualitätskontrolle, wie er es bei der nächsten Auflage besser machen kann.

Quellen:
Miethke, J. (1990): Die mittelalterlichen Universitäten und das 
gesprochene Wort. (Schriften des Historischen Kollegs/ Vorträge). 
München: Stiftung Historisches Kolleg. Online verfügbar unter 
http://www.historischeskolleg.de/fileadmin/pdf/vortraege_pdf/
Vortraege23_miethke.pdf,zuletzt geprüft am 17.02.2013.

PlagDoc & Kotynek, M. (2012). "Schwarmgedanken" - Lehren aus 
GuttenPlag. Online verfügbar unter 
http://images4.wikia.nocookie.net/guttenplag/de/images/a/a5/
Schwarmgedanken.pdf, zuletzt geprüft am 21.02.2013

Pleimling, D. (2012): Social Reading - Lesen im digitalen
Zeitalter. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 62, 2012 (41-42). 
Online verfügbar unter http://www.bpb.de/system/files/
dokument_pdf/APuZ_2012-41-42_online.pdf zuletzt geprüft 
am 21.02.2013.
Wasserek, M. (2012). Enhanced E-Books: Veränderungen 
und Chancen für Akteure der Buchbranche durch die 
Einführung elektronischer Lesegeräte. In: Maier, M. &
Simon-Ritz F. (Hrsg.), Alles Digital. E-Books in Studium und 
Forschung. Weimarer E DOC-Tage 2011. 
Weimar: Bauhaus-Universität, S. 96–113.

1Das hier von mir ausgeliehene „Handbuch Lesen“ von 
Franzmann, B. (Hrsg.) ist 1999 im Saur Verlag München 
erschienen und im selben Jahr von der UB Heidelberg 
erworben worden.
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Autor: Anna

Seit März 2011 studiere ich E-Learning und Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und schreibe dort aktuell meine Masterarbeit zum Thema "Enhanced E-Books als Lehrbücher". Zuvor habe ich meinen Bachelor in Informationsdesign an der Hochschule der Medien abgeschlossen.

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