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Voll Bild! – Das Tablet als Medium der Entschleunigung


Bevor Sie zu lesen beginnen: Bitte drücken Sie F11 um den Vollbildmodus zu starten! 

Eine interessante These über das IPad/Tablet, die ich unlängst bei Christian Meier (Ressourleiter “Digital” bei kressreport) gelesen habe lautete:

“Wo das Internet flüchtig ist, wäre eine iPad-App ein Medium der Entschleunigung durch Ausschaltung anderer Einflüsse.” (Meier, C., 2011, S.11)

Ich habe mir dazu auch so meine Gedanken gemacht:

1. Gedanke: Das geschlossene System

Das wir das Surfen und das digitale Werkeln am Tablet anders empfinden als am Laptop oder PC hat wohl viel mit dem Wesen der mobilen Betriebssysteme zu tun. Diese sind von Geburt an geschlossene Systeme, auf die der  Nutzer eben nur soviel Einfluss nehmen darf, wie der Entwickler ihm gestattet. Das bedeutet also, dass sich der IPad User auf der einen Seite über fehlende Flash-Anwendung echauffiert, auf der anderen Seite aber glückich darüber ist, dass sein System wenig fehleranfällig ist, flüssig läuft und er alles was er so braucht immer schnell parat hat.

Man kann sicherlich lange darüber diskutieren, ob das Apple-Prinzip  – inklusive überwachungsstaatlich organisiertem App-Store  – unserem demokratisch frisierten und freiheitsliebenden Wesen ein Dorn im Auge ist oder ob wir das hinnehmen wollen für den Schein der Exklusivität. Fest steht  jedoch: Durch die Selektion und die Begrenzung des Angebots werden uns Entscheidungen abgenommen, durch die uns das Tablet ein bißchen übersichtlicher, ein bißchen entschleunigter vorkommen mag. Wenn wir eine Zeitung lesen, dann bekommen wir nur den Content zu sehen, den der Chefredakteur für wichtig deklariert. Ob wir beim Tablet diese Entscheidungen in Hände von Software- Unternhemen legen wollen ist natürlich eine andere Frage und ein Denkanstoß für die Verlage!

2. Gedanke: Das volle Bild

In einem wissenschaftlich wenig fundierten, aber in seinen Ergebnissen doch beeindruckenden Selbstversuch schreibe ich diesen Blogeintrag von Beginn an im Vollbildmodus*. Volle Konzentration! Es schreibt sich wunderbar, weil nicht ständig irgendeine Mail dazwischen funkt oder ich versucht bin etwas anderes nebenher zu machen. Als weitere Überlegung dazu muss man nur einmal an Computerspiele denken. Nicht ohne Grund laufen diese eigentlich immer im Vollbildmodus. Das raumfüllende Erlebnis bringt den Spieler womöglich dazu, vollständig in die fremde Welt einzutauchen und die Realität um sich herum zu vergessen.

Das erlebte und beschriebene Phänomen lässt sich bedingt auf mobile Apps übertragen, denn auch sie bilden kleine, in sich geschlossene Systeme, die bildschirmfüllend dargestellt werden. Die Bedingung: Die Apps müssen so gestaltet sein, dass sie “die volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und eine Welt in sich darstellen” (Meier, 2011, S. 11). Dazu gehört eine Fokussierung des Themas ebenso wie eine Interface-Gestaltung die nahezu in den Hintergrund rückt, aber den Content in genau das richtige Licht rückt. Nun kam aber irgendjemand auf die verrückte Idee der “Push-Benachrichtigung” und hastenichtgesehen, bricht die geschlossene heile Welt wieder zusammen, durch Einflüsse von außen, durch eine Mail vom Arbeitskollegen (bloß ein Kettenbrief – so was gibts noch?) oder die Whats App Nachricht vom Freund (“Wollte mal hören was du so machst?”) .

Und noch eine weitere Unart schleicht sich ein: die Werbung. Es gibt da diesen Traum, dass auf dem Tablet die Werbung ein ganz neues Gesicht bekommt. Eines das Spaß macht, Freude bringt und uns ganz sanft auf den richtigen Weg, zum richtigen Produkt führt. Am Anfang war sie da: Die Pop-up freie Zone – ein Leben ohne Werbebanner und Lauftexte. Jetzt sind sie zurück und flimmern zum Teil schlimmer als je zu vor… Und in diesem Punkt bin ich tatsächlich mittlerweile erwachsener geworden: Bevor ich mir das antue möchte ich lieber bezahlen, meine App für mich besitzten, ohne Werbung.

3. Gedanke: Das Inter- Face

Im zweiten Gedanken hat es bereits schon einmal meine Aufmerksamkeit erhalten: Das Interface. Das Interface ist wie das Gesicht einer App, mit der es uns entgegenblickt. Es kann gelassen sein und uns mit seinen Blicken zum verweilen einladen. In seinen Augen können wir ablesen, was es von uns möchte und wie wir uns verhalten sollen. Oder es macht einen gestressten, abgehetzten Eindruck bei dem wir das Gefühl bekommen wir müssen etwas tun, ohne zu wissen was… Im letzteren Fall überträgt sich der Stress womöglich auch auf uns selbst und alles wird wieder bescheunigt.

Leider gibt es mal wieder kein Patentrezept für gute Gestaltung. Klar ist, es muss ein sichtbarer Kontext- und Zielgruppenbezug bestehen. Die Gestaltung von Apps muss nicht immer “laut” und mit allen Möglichkeiten von Interaktivität und  Multimedia ausgestattet sein, wie ich vielleicht vor einigen Wochen mit dem E-Magazin “Symbolia” zeigen konnte. Allerdings ist es – nun im Bezug auf elektronische Bücher – auch keine Lösung digitale Faksimile von Printprodukten zu produzieren. Es darf ruhig Mut bewiesen und mit den neuen Möglichkeiten des Tablets gespielt werden. Bitte nicht im Sinne von einem Animated-gif-Revival aus der frühen Internetzeit, sondern mit Hilfe kluger und kreativer Ideen.

Fazit:

Das Tablet bietet in seiner Grundbeschaffenheit tatsächlich die Möglichkeit uns von Multitasking-Jongleuren zurückzuführen in eine Welt die nicht aus 10 geöffneten Tabs besteht. Die Aufmerksamkeit des Nutzers könnte wieder stärker gebunden werden, ähnlich – wenn auch nicht genauso – wie die eines Buchlesers.Allerdings befinden wir uns gerade wieder auf einem Weg alles zu parallelisieren, durch “Push-Benachrichtigungen” und Werbeeinblendungen ohne Sinn und Verstand. Daher mein Plädoyer für mehr Mut bei der App Gestaltung, dazu gehört je nach Kontext auch der Mut zur Einfachheit.

Sie dürfen den Vollbildmodus nun verlassen und ihre Mails checken!

* Bei dem Wort echauffiert war ich kurz davor im Online-Duden nachzuschlagen, habe aber dann aber die Suchmaschine in meinem Kopf angeschmissen und bin zu dem Ergebnis gekommen: dass kann sich nie und nimmer mit v schreiben (echauviert – bäh)!

Quellen

Meier,C. (2011). Erlösmodelle im E-Publishing. Wie sich Medien auf Tablets neu 
erfinden können: Interviews, Analysen, Essays. Hamburg: tredition GmbH


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Halbzeitpfiff


Heute ist der Tag gekommen, an dem der Halbzeitpfiff ertönt: 2,5 Monate Masterarbeit liegen hinter mir, 2,5 arbeitsreiche Monate noch vor mir. Zeit ein Resümee aus meinen bisherigen Erkenntnissen zu ziehen!

In dem ersten – bereits geschriebenen – Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich mit den historischen Ursprüngen und den Gestaltungsdimensionen des gedruckten Lehrbuchs. Die erste überraschende Erkenntnis, die im direkten Zusammenhang mit dem Titel meiner Arbeit steht: Mobil, Verlinkt, Interaktiv – diese Merkmale beschreiben ohne Frage auch das gedruckte Buch.

Denn Gutenberg und der moderne Buchdruck machen das gedruckte Buch erschwinglich und mobil. Das Buch wird zum Massenmedium, dass jeder jederzeit jederorts nutzen kann. Parallel dazu entwickelt es sich zu einer nahezu unerschöpflichen Quelle des Wissens. Zur Sicherung und zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse werden Normen geschaffen, die ein Buch eindeutig adressieren.  Titelblatt, Paginierung  und  Autorenschaft hängen untrennbar mit dem gedruckten Buch zusammen. Durch die Verweisfähigkeit entsteht ein Wissensnetzwerk, eine Verlinkung von Autoren und ihren Büchern. Und zu guter letzt ist das Lesen an sich bereits eins überaus interaktiver Prozess. Leser und Autor kommunizieren über das Medium des Textes. Der Autor versucht seinen Standpunkt so zu vermitteln, dass der Leser ihn versteht. Der Leser hingegen bringt sein eigenes Vorwissen in die Textrezeption ein: Er kann Leerstellen auf diese Weise überbrücken und sich seinen eigenen Standpunkt bilden.

Das gedruckte Buch ist dadurch in der Lage zu „lehren“. Es stellt dem Individuum Informationen bereit  und bietet Hilfen an, die den Lernprozess unterstützen und steuern. Es ermöglicht dem Lernenden besondere Erfahrungen zu sammeln, die den Aufbau kognitiver Wissensstrukturen fördern. Obwohl Lesen anstrengend ist, nimmt der Mensch diese hohen kognitiven Belastungen auf sich. Aus ganz unterschiedlichen Motiven, vielleicht aber auch, weil dem Buch eine ganz eigene Ästhetik innewohnt. „Das Buch ist ein sinnliches Ding“, es ist nahezu perfekt in seiner Gestalt.

Aber das Buch hat auch Schwachstellen. Diese liegen vorwiegend in seiner Materialität begründet. Offensichtlichere damit verbundene Probleme sind die der räumlichen Unterbringung, aber ebenso stellt die Selektion und Orientierung des Lesers innerhalb dieser “Informationsflut” eine große Herausforderung dar.Darüber hinaus bietet das Buch auf Grund seiner materiellen Beschaffenheit wenig Innovationspotential, was seine räumliche und zeitliche Struktur betrifft. Das Buch ist ein lineares Medium. Format und Gewicht setzen der Gestaltung zusätzliche Grenzen, die nicht ohne weiteres überwunden werden können. Das gedruckte Buch ist ein geschlossenes System, dass keine nachträglichen Veränderungen, Korrekturen und Ergänzungen in seiner Grundstruktur zulässt. Es ist gebunden an aufwenige Produktionsprozesse und –zeiten, die seine Veröffentlichung  mehr oder minder verzögern.

Im 20. Jahrhundert hat das Buch aus diesen Gründen vielleicht nicht ohne Grund einen Konkurrenten an die Seite gestellt bekommen. Ich bin gespannt, welche Veränderungen sich durch die digitale Transformation des Buches ergeben. Das herauszufinden wird meine Aufgabe der nächsten Wochen sein.

Fortsetzung folgt…


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Social Reading: Wer hat in meinem Büchlein gelesen?


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Social Reading: Eine persönliche Zettel-Botschaft in einem Bibliotheksbuch.

Heute hatte ich in eine „Short Message“ von meinem Vorbenutzer in einem frisch ausgeliehenen Bibliotheksbuch (s. Bild). An sich ist das nichts Ungewöhnliches, denn insbesondere bei älteren Bibliotheksbeständen1 findet man immer wieder Spuren des Vorgängers. Diese Hinterlassenschaft aber war besonders, denn der Vorbenutzer hat sich ganz bewusst an mich (seinen Nachbenutzer) gewendet; persönlich und mit voller Absicht! Er unterschreibt sogar. Er siezt mich. Er führt eine waschechte Kommunikation mit mir. Und das ganz uneigennützig: „Dieses Buch gibt es als identische Reprint- Ausgabe für nur 20€“ lautet sein Tipp. Leider funktioniert der Rückkanal nicht. Würde ich doch zu gerne fragen: „Bei welchem Anbieter bekomme ich das Buch?“, „Wie fandest du das Buch? Ist es die eigene Anschaffung wert?“, „Warum hast du diese Nachricht hinterlassen?“… Das ganze brachte mich dazu mehr über „Social Reading“ nachzudenken.

Social Reading vom Mittelalter bis Heute
Social Reading ist

» ein online geführter, intensiver und dauerhafter Austausch über Texte« (Pleimling, D., S.21).

Anstatt einen Text individuell und für sich zu lesen handelt es sich dabei um eine Art kollektive Rezeption.
Erstaunlicherweise wurde das Lesen erst seit dem 12. Jahrhundert zur Privatsache. Zuvor (z.B. in den Universitäten des Mittelalters, s. Miethke, 1990, S. 29ff)
war es üblich laut zu lesen, ein Publikum mithören zu lassen und die eigenen Gedanken zu teilen.

Technische Hilfsmittel
Entwicklungen in Soft- und Hardware ermöglichen es heutzutage Literatur an konkreten Textstellen kollaborativ zu diskutieren, ohne dass sich die Mitglieder eines Lesekreises zu einer bestimmten Zeit an einem Ort einfinden müssen. Als Hilfsmittel dazu dienen vor allem – wie beim gedruckten Buch – verschiedenfarbige Markierungen und die Möglichkeit am Rand Textstellen zu kommentieren. Neu ist, dass diese Notizen über das Internet mit anderen geteilt werden können. Auch wenn sich eine intensive Nutzung dieser Möglichkeiten noch in Grenzen hält, so kann die These

»Durch die Entwicklung zum Enhanced E-Book transformiert sich die Form der sozialen Interaktion über Bücher« (Wasserek, M., S.102)

durchaus als realistische Tendenz gewertet werden.

Der Rücktritt Guttenbergs: Ein Ergebnis von Social Reading?
Eine der größten onlinegeführten Diskussionen über ein Buch haben wir unlängst in Deutschland erlebt: Die Plagiatsaffäre von, mit und zu Guttenberg. Auf der Plattform „GuttenPlag“ beteiligten sich mehr als 1000 User, überwiegend Akademiker aus dem juristischen Fachbereich, um die fragwürdigen Textstellen zu diskutieren und der Öffentlichkeit die einzelnen Zitat-Verstöße darzulegen – mit großem Erfolg eines intelligenten Schwarms! (Vgl. PlagDoc & Kotynek, 2012)

Gefahren der kollektiven Rezeption
Es gibt aber auch erhebliche Nachteile beim gemeinsamen Durchdringen von Texten: Die Zeitgeschichte hat gezeigt, dass kollektive Rezeptionssituation immer auch einen konsensfördernden Effekt haben können – eine Gleichschaltung und Normierung, die für einen wissenschaftlichen Diskurs tödlich ist. Auch ich selbst neige dazu, dass ich in einem bereits vorgemalten Bibliotheks-Buch, den Textstellen ein größeres Augenmerk beimesse, die ein Vorgänger schon durch Unterstreichen hervorgehoben hat. Das Denken anderen überlassen? Völlig ungesund!

Chancen des Social Readings
Echten Mehrwert des Social Reading für Enhanced E-Books sehe ich darin, dass Autor und Leser, Verlag und Leser oder auch Novize und Experte näher zusammenrücken und in produktiven Austausch stehen können. Flüche des Studierenden „was will der mir denn jetzt damit sagen?“ würden dann direkt bei der richtigen Adresse landen. Der Lernende könnte seine Frustration bewältigen und der Autor bekommt aus erster Hand eine Qualitätskontrolle, wie er es bei der nächsten Auflage besser machen kann.

Quellen:
Miethke, J. (1990): Die mittelalterlichen Universitäten und das 
gesprochene Wort. (Schriften des Historischen Kollegs/ Vorträge). 
München: Stiftung Historisches Kolleg. Online verfügbar unter 
http://www.historischeskolleg.de/fileadmin/pdf/vortraege_pdf/
Vortraege23_miethke.pdf,zuletzt geprüft am 17.02.2013.

PlagDoc & Kotynek, M. (2012). "Schwarmgedanken" - Lehren aus 
GuttenPlag. Online verfügbar unter 
http://images4.wikia.nocookie.net/guttenplag/de/images/a/a5/
Schwarmgedanken.pdf, zuletzt geprüft am 21.02.2013

Pleimling, D. (2012): Social Reading - Lesen im digitalen
Zeitalter. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 62, 2012 (41-42). 
Online verfügbar unter http://www.bpb.de/system/files/
dokument_pdf/APuZ_2012-41-42_online.pdf zuletzt geprüft 
am 21.02.2013.
Wasserek, M. (2012). Enhanced E-Books: Veränderungen 
und Chancen für Akteure der Buchbranche durch die 
Einführung elektronischer Lesegeräte. In: Maier, M. &
Simon-Ritz F. (Hrsg.), Alles Digital. E-Books in Studium und 
Forschung. Weimarer E DOC-Tage 2011. 
Weimar: Bauhaus-Universität, S. 96–113.

1Das hier von mir ausgeliehene „Handbuch Lesen“ von 
Franzmann, B. (Hrsg.) ist 1999 im Saur Verlag München 
erschienen und im selben Jahr von der UB Heidelberg 
erworben worden.


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Roadtrip durch das Jahr 1913


Vor kurzem hat mir meine Schwester ein Hörbuch geschickt: ’1913- Der Sommer des Jahrhunderts’ von Florian Illies (2012). Ein Sachbuch – laut Verlagswebseite. Ich liebe Hörbücher. Fast so sehr, dass ich ohne eins zu hören nicht einschlafen oder wenigstens nicht so gut einschlafen kann. Dieses Eine hat mich aber ganz besonders beeidruckt. Und das ging schon los, als ich es völlig Ahnungslos in der ersten Nacht einschaltete…

ein Junge zielt mit einer Waffe – in die Luft – Louis Armstrong – Erziehungsanstalt – Jazztrompeter – 1913 das chinesische Jahr des Büffels – Frank Kafka – schreibt Briefe – ihm graut vor seinem Vater – der hustet – und vor Frauen  – aber nur von Angesicht zu Angsicht- Mona Lisa – gestohlen – Blaue Pferde – Blaue Reiter – Franz Marc – Freuds Couch – damals schon eine Legende – die Couch – Wien – Berlin – Thomas Mann – feiert Premiere –   Alfred Kerr – reißt “Fiorenza” in Stücke – mit dem Stift – dieser Sadist – Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose -  Apropos: Wo steckt eigentlich Rilke?

In dieser Nacht träumte ich von stampfenden Zügen.

Seit nunmehr einer Woche reise ich jede Nacht zurück in das Jahr 1913. Und da ich wirklich gut mit Hörbüchern einschlafen kann, wird das wohl noch eine Weile so weitergehen. Es ist wunderbar! Es ist wie Achterbahnfahren. Oder…

… sich im turbo Tempo durch Wikipedia klicken oder eben durch ein (digitales) Zeitungsarchiv von 1913. Besser gesagt klickt Florian Illies für mich und das macht er in Perfektion! Da ich aber früher oder später einfach einschlafe (nicht aus Langeweile, sondern vor Erschöpfung), springe ich dann in der nächsten Nacht beliebig vor und zurück, um an geeigneter Stelle weiterzureisen oder nocheinmal eine geliebte Stelle wiederzuhören; es ist ein auditiver Hypertext, in dem ich mitmischen kann. Das macht mich jedes mal aufs neue neugierig und das Verlangen zu “spoilern” wächst. Das wunderbare: was geschehen wird ist sowieso schon Geschichte und das Ipad, das gleichzeitig auch als MP3-Player zum Abspielen des Hörbuches dient, erzählt mir auf Knopfdruck alles weitere. So ist aus einem Sach-Hörbuch mittlerweile mein ganz persönliches “Enhanced E-Book” geworden.

Mehr Infos zum Buch und eine Hörprobe gibt es auf der Verlags-Webseite:

“1913 – der Sommer des Jahrhunderts” (Fischer Verlage)


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Geschichte eines Mediums


Timeline_EnhancedEBook

 

Das Enhanced E-Book erscheint auf den ersten Blick so modern und innovativ. Letztenendes steht es aber in einer Reihe von Ereignissen die schon vor hunderten von Jahren begonnen haben und ist sicherlich auch noch nicht “das Ende der Fahnenstange”. In einer Infografik habe ich eine Auswahl an Ereignissen zusammengefasst, die diesen Weg beschreiben.

Die Zeitreise beginnt natürlich mit dem größten “Event” des 15. Jahrhunderts: Der Erfindung des modernen Buchdrucks durch Gutenberg . Von diesem Moment an veränderte sich unsere Kultur drastisch. Sie wird lesend, systematisch, individuell, reproduzierbar… und linear. Einen unscheinbaren Bruch dieser Linearität wagte Ramelli im 16. Jh mit der Erfindung des “Buchrades”. Mit diesem konnte man bequem zwischen bis zu 12 Büchern hin- und herspringen. Historiker sehen deshalb hierin einen ersten Vorläufer des Hypertextes. Durchsetzen konnte sich die verrückte Maschine allerdings nicht, es gibt keine eindeutigen Belege ob sie überhaupt irgendwo zum Einsatz kam. Und so bleibt das Buch die nächsten 3 Jahrhunderte mehr oder weniger konkurrenzlos. Bis…

… die elektronischen Medien auf der Weltenbühne erscheinen und die Erfindung des Computers und damit einhergehend des Hypertextes, des Internets und der digitalen Reproduktion anstehen. Eine genaue Datierung dieser Ereignisse würde den Rahmen der Grafik sprengen, aus diesem Grund lasse ich sie vereinfacht im Jahre 1941 beginnen, dem Jahr als Konrad Zuse den ersten vollautomatischen, freiprogrammierbaren Computer entwickelte.

Eine Großoffensive für das digitale Buch beginnt am 4. Juli 1971, als der Student Michael S. Hart am Tag der amerikanischen Unabhängigkeit, die Unabhängigkeitserklärung abtippt und im Netzwerk der Universität Illinois einstellt. Später gründet Hart das “Gutenberg Project” bei dem Werke mit verjährtem Urheberrechtsschutz digitalisiert und kostenlos der Internetgemeinschaft zur Verfügung gestellt werden.

Ein Buch will aber nicht nur zu Hause am Schreibtisch gelesen werden. Unsere mobile Gesellschaft braucht transportable Geräte. Seit 1997 (Gründung der Firma E-Ink) wird versucht einen komfortabelen und akzeptierten E-Book Reader zu entwickeln. Dies gelingt – im großen Maße – erst mit dem Amazon Kindle im Jahre 2007. Aber die augenfreundlichen, schwarz-weißen, nicht selbstleuchtenden E-Book Reader bekommen 2010 eine schillernde, bunte Konkurrenz: Das erste Apple IPad. Ein Gerät das Lust macht auf erweiterte Inhalte, auf selbst aktiv werden, auf grenzenlose Freiheit, auf spielen, auf Lernen… Da Apple das erkannt hat liefert es 2 Jahre später gleich eine kostenlose Software nach, die jeden (der Zugang zu einem  Apfel hat) in die Lage versetzt, selbst Autor von Enhanced E-Books zu werden.

Bleibt nur noch etwas anzumerken, dass seit 2006  im Gange ist und für die Entwicklung von Enhanced E-Books interessant sein könnte: Die Entwicklung des HTML5 Standards. Dieser fasziniert besonders den Entwickler in mir. Denn mit HTML5 ist die Hoffnung einer plattformübergreifenden  Produktion verbunden, die keinerlei Einbußen in der Gestaltung, Interaktion, Animation und User Experience machen muss.

Fazit: Das gedruckte Buch hat über mehrere Jahrhunderte dominiert und wurde selbst durch das nächste große und einschneidende Ereignis, die Erfindung des Computers, nicht verdrängt. Bücher werden digital, aber es ändert sich im Moment noch verhältnismäßig wenig daran, was ihre Gestaltung, Struktur und  die Rezeptions-Methoden (z.B. das Lesen) betrifft. Dabei steckt vorallem in dem Phänomen “Tablet” mit Sicherheit noch ungeahnter Sprengstoff, der unsere Gewohnheiten grundlegend auf den Kopf stellen könnte.


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Mit Nase,Kopf und viel Gefühl – IPad Apps für alle Sinne


Ich habe mir für den Zeitraum meiner Masterarbeit ein IPad geliehen. Der Vorteil gegenüber dem Kaufen ist, dass ich keine persönliche Bildung zum Gerät aufbauen kann, da man es ja irgendwann  zurückgeben muss. Auf diese Weise bleibt es ein Arbeitsgerät! So die Theorie… In der Praxis sieht das dann schon anders aus. Da merke ich wie sehr mich dieses Gerät tatsächlich verändert: Abends im Bett ein Blitzgedanke? – Ipad raus, Gedanke notiert, visualisiert und schnell noch was dazu im Internet recherchiert. ;-) Das Ipad ist so schnell an, wie meine Gedanken kommen und gehen.

Die zweite Sache ist, dass ich die Finger nicht vom APP Store (zu aller Beruhigung: vorallem von gratis Angeboten) lassen kann. Unter dem Deckmantel der Masterarbeit habe ich für fast jeden Download ein unschlagbares Argument… Und wir können doch so einiges von Apps und vorallem Tablet- Magazinen lernen, was auch digitale Lehrbücher betrifft.

Deshalb an diese Stelle drei App-Beispiele für die, mit und ohne Sinn/e, die allesamt Inspiration für die Zukunft einer neuen Lehrbuchgeneration sein könnten.

ten1Ten + 1

Für dieses Spiel braucht man, wie der Name schon sagt, zehn Finger + 1. Da nur wenige Menschen über einen 11. Finger verfügen muss der Spieler sich mit seiner Nase behelfen. Ziel des Spieles ist es, sich  immer schwerere Muster einzuprägen, in welcher Reihenfolge die Finger bewegt werden müssen. Weil der Spieler mit der Nase am Bildschirm “klebt”, wird er dabei nicht mehr durch seine Augen unterstützt, sondern er überträgt das gelernte Muster aus dem Gedächtnis direkt auf die Hände. Klingt komisch – ist auch so! Die Faszination dieser App liegt für mich darin, dass sie es schafft eines unserer Organe einzusetzen, für das wir im Bereich der digitalen Medien eigentlich (noch) gar keine Verwendung haben: unsere Nase.  Schummeln ist übrigens sehr schwer, es sei denn, man ist sehr gelenkig oder arbeitet kooperativ…

SymboliaSymbolia

Symbolia ist ein Enhanced Comicnachrichtenmagazin, das von den beiden US-Amerikanerinnen Erin Polgreen und Joyce Rice herausgegeben wird. Beim Betrachten der ersten Ausgabe “How we Survive” (Dezember,2012) wird  man seinen Augen nicht trauen. Genau: Bei diesem Beispiel steht das Auge und die Macht der Bilder im Fokus. Das macht es unglaublich  zeitgemäß und doch so einzigartig, weil es als journalistisches Werk fast ohne Wörter auskommt. Die “Enhanced” Elemente werden manche als “nicht der Rede wert” abtuen: Es gibt einige wenige Audiodateien und ein animiertes Cover. Mehr nicht? Ich finde mehr braucht es nicht! Die erweiterten Elemente sind so gezielt und so feinfühlig eingesetzt, dass sie die Bilder lebendig werden lassen. Das fällt erst richtig auf, wenn man zum Vergleich die PDF Version (ohne die erweiterten Inhalte) heranzieht: Es funktioniert mit und ohne, aber als ich in der IPad Version die Schritte im Kies gehört habe, habe ich Gänsehaut bekommen.

braindipBrain Dip Magazine

Noch ein Tablet-Magazin, aber ein ganz andere Strategie: Brain Dip (2009) versucht dem verstaubten Lehrbuchmarkt etwas entgegenzusetzen. Die Revolution verläuft auch hier eher schleichend (was nicht schlecht sein muss), denn der Lesetext ist und bleibt das zentrale Element. In der ersten und bislang leider einzigen Ausgabe ist der Ausgangspunkt die vollständige Antrittsrede des US-Präsidenten Barack Obama im Januar 2009. Die Rede ist in Abschnitte und Paragrafen unterteilt. Zu jedem Abschnitt gibt es zusätzlich einen Videoausschnitt der originalen Fersehübertragung, der es ermöglicht die Rede zu hören und die Gestik und Mimik des Redners zu verfolgen. Ein Farbsystem kennzeichnet in jedem Paragrafen, welche Verbindung zwischen Inhalt der Rede und den Unterrichtsfächern (Literatur, Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Mathematik ) besteht. An das Magazin angebunden ist eine Art Learning-Management-System (LMS), das durch Antippen der einzelnen Paragrafen geöffnet wird. Das LMS stellt neben aktivierenden Fragestellungen auch eine abgeschlossene Austauschsplattform mit Diskussionsform, Blog und Kommentarfunktion zur Verfügung.


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Was macht ein gutes Lehrbuch aus?


Eine Frage, die sich wie so häufig gar nicht so einfach beantworten lässt. Und das obwohl es das gedruckte Lehrbuch bereits seit mehreren hundert Jahren gibt – vom Enhanced E-Book das noch in den Kinderschuhen steckt will ich noch gar nicht sprechen.

„Wenn es keine Bücher gäbe, wären wir alle völlig roh und ungebildet, denn wir besäßen keinerlei Kenntnisse über das Vergangene, keine von göttlichen oder menschlichen Dingen. Selbst wenn wir irgendein Wissen hätten, so gliche es den Sagen, die durch die fließende Unbeständigkeit mündlicher Überlieferung tausendmal verändert wurden. Welch göttliches Geschenk sind also die Bücher für den Menschengeist! Kein größeres könnte man sich für ein Leben des Gedächtnisses und des Urteils wünschen. Sie nicht lieben heißt die Weisheit nicht lieben. Die Weisheit aber nicht lieben bedeutet, ein Dummkopf zu sein. Das ist eine Beleidigung für den göttlichen Schöpfer, welcher will, dass wir sein Abbild werden.“
Comenius (1650): Über Bücher als Hauptwerkzeug der Bildung

Bedauerlicherweise ist die Lehrbuchforschung verglichen mit der Schulbuchforschung ziemlich dünn besetzt. Ich halte es aber für wichtig hier eine Unterscheidung zu machen, da sich der Umgang mit Lehrbüchern im Studium grundlegend anders verhält als der Einsatz von Schulbüchern in der Schule. So basiert die Auseinandersetzung mit Lehrbüchern im Studium in der Regel auf Freiwilligkeit und Selbstständigkeit (Die Instruktion muss als in dem Lehrbuch selbst enthalten sein und kann nicht in Teilen durch eine Lehperson ersetzt werden).  Zudem haben Studierende die Möglichkeit zwischen verschiedenen Werken zu ein und dem selben Thema zu wählen, Werke miteinander zu vergleichen oder selbstbestimmt vereinzelte Passagen zu entnehmen. Wobei Literaturtipps des Dozenten diese Auswahl erheblich beeinflussen, ebenso wie die Angabe von “Pflichtliteratur” , welche für das Bestehen von Prüfungen vorausgesetzt wird (Vgl. Schlösser, 2012, S. 183f).

“Ein gutes Lehrbuch” kann daher keinesfalls nur bedeuten, dass ein Lehrbuch didaktisch besonders gut und lernförderlich aufbereitet ist und alle Inhalte die zum Erreichen eines Zieles (z.B. Prüfung bestehen) geliefert werden. Ein “gutes Lehrbuch” muss zunächst einmal die Akzeptanz der Zielgruppe erfahren, um überhaupt ausgewählt und gelesen zu werden.

Literatur:

Schlösser, B. (2012). Die Gestaltung moderner Lehrbücher. Baden-Baden: Nomos

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